Lehrausgang ins Filmmuseum zu UND IN DER MITTE DA SIND WIR

Am Mittwoch, 14. Jänner, begaben sie die Klassen 6A und 4A zu Beginn der zweiten Unterrichtsstunde mit der Straßenbahn ins Filmmuseum, Österreichs einziges „unsichtbares Kino“ zum ungestörten Genießen von Filmkunst. Es gibt dort weder Popcornautomaten noch Werbungen, die von der Konzentration auf die Leinwand ablenken könnten, sondern Vorführungen anspruchsvoller Filme, meist gefolgt von Diskussionen.

Auf dem Programm stand die letzten Sommer angelaufene Dokumentation „Und in der Mitte da sind wir“ von Jungregisseur Sebastian Brameshuber (*1981).

Der Titel stammt aus einem Volkslied über Ebensee an der Traun, woher die Jugendlichen stammen, die in dem Film zu Wort kommen.

Anlass für das Filmprojekt war ein Vorfall während der jährlichen KZ-Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ Ebensee. Im Zweiten Weltkrieg sind fast 9000 Lagerinsassen, die Stollen in den Berg graben mussten, worin man Waffen bauen wollte, an Erschöpfung und Hunger gestorben. Überlebende und Vertreter der Opferverbände reisen Jahr für Jahr an, um auf dem Massenfriedhof eine Gedenkfeier abzuhalten. 2009 ist ein gutes Dutzend vermummter Ebenseer bei der Veranstaltung einmarschiert, hat mit Softguns geschossen und „Heil Hitler!“ gerufen – ein Vorfall, der weit über Österreichs Grenzen hinaus für Schlagzeilen sorgte. Die jugendlichen Täter waren bald ausgeforscht und wurden vor Gericht gestellt. Die Burschen machten glaubhaft, dass sie keine politischen Absichten verfolgt hätten und kamen mit Vorstrafen davon. Was mag gelangweilte Teenager zur „Wiederbetätigung“ mit Störungs- und Beleidigungsabsicht bewegen? Das fragte sich auch der Regisseur Sebastian Brameshuber. Wie er bei der anschließenden Fragestunde erzählte, wollte der selbst am Traunsee aufgewachsene die Situation typischer Ebenseer Teenager zeigen.

Bei einem Casting im Schulzentrum des oberösterreichischen Städtchens ermittelte er drei Protagonisten, die er mit ihren Sorgen und Vorlieben, im Kreise von Freunden, Alltag und Familie porträtierte. Brameshuber hat den Waffennarren Andi, den Brauchtumsverfechter Michi und Ramona, die aus ihrem engen Tal wegziehen möchte, über den Zeitraum von eineinhalb Jahren begleitet. Es ist erstaunlich zu sehen, wie viel sich im Lauf dieser Monate verändern kann! Michi lernt an seiner Lehrstelle David kennen und wird Punk wie er, wenngleich er sich nicht sicher ist, was das bedeutet. Andi kommt beim Paintballspielen darauf, dass ihm Soldatsein doch nicht zusagt und er vorerst einmal maturiert. Und Ramona kann zwar kein Lippenpiercing durchsetzen, doch entscheidet sich für eine Friseurinnenlehre.

In Anschluss an die Filmvorführung konnte das Publikum Fragen stellen, die der Regisseur ausführlich beantwortete. Wir erfuhren, dass die 90’ Film aus 80 Stunden gefilmtem Material geschnitten waren, dass zwei Jahre an dem Projekt gearbeitet wurde und 35.000 Euro zur Verfügung standen, aus verschiedenen staatlichen Institutionen. Im Unterschied zur Filmindustrie wie etwa in den USA finanzieren die europäischen Staaten die meisten Filmprojekte aus öffentlicher Hand.

Indem „Und in der Mitte da sind wir“ die Sorgen und Anliegen Jugendlicher in der Provinz zeigt, ermöglicht er Einblick und Verständnis – wenn auch die Störaktion von 2009 dadurch nicht entschuldigt werden kann.

Die Diskussion war um 13.00 zu Ende, sodass wir zum Ende der 6. Stunde wieder im Schulgebäude anlangten.

 

Ute Eisinger, Deutschlehrerin der 6A